KI-Automatisierung im KMU: Den ersten Prozess auswählen

Für den ersten Automatisierungspiloten eignet sich ein wiederkehrender, klar abgegrenzter Arbeitsschritt mit verfügbaren Daten und einem prüfbaren Ergebnis. Eine zuständige Person muss Fehler erkennen und den bisherigen Ablauf übernehmen können. Ob dafür feste Regeln, eine vorhandene Softwarefunktion oder KI passt, ergibt sich aus der Aufgabe.
Dieser Leitfaden richtet sich an kleine und mittlere Unternehmen, die einen ersten Prozess vorbereiten möchten. Nutzen Sie die Auswahlmatrix als CSV zum Vergleich Ihrer Kandidaten und das Pilot-Prüfprotokoll als Textdatei für die anschließenden Tests. Beide Dateien sind kostenlos und direkt bearbeitbar.
1. Eine Aufgabe mit Anfang und Ende beschreiben
Formulieren Sie den Ablauf so genau, dass zwei Personen denselben Vorgang untersuchen können. „Den Vertrieb automatisieren“ umfasst zu viele Entscheidungen. Ein begrenzter Auftrag lautet beispielsweise: Eine eingehende Projektanfrage auslesen, fehlende Angaben markieren und einen internen Entwurf für die zuständige Person vorbereiten.
Halten Sie Auslöser, Eingabedaten, gewünschtes Ergebnis und Endpunkt fest. Im Beispiel endet die Automatisierung bei einem geprüften Entwurf. Das Versenden einer Antwort oder die Zusage eines Preises gehört nicht zum Piloten. Ein solcher Schnitt macht den Vergleich mit der heutigen Bearbeitung möglich.
Wenn grundlegende Abläufe und Zuständigkeiten noch fehlen, hilft zunächst die Einordnung zur Digitalisierung im Mittelstand. Sammeln Sie eine überschaubare Auswahl tatsächlicher Vorgänge und dokumentieren Sie auch die unbequemen Fälle: unvollständige Angaben, widersprüchliche Informationen oder Rückfragen.
2. Regeln und KI am selben Ergebnis vergleichen
| Aufgabe | Zuerst prüfen | Rolle einer möglichen KI |
|---|---|---|
| Pflichtfelder prüfen oder nach Postleitzahl zuweisen | Formularfunktion oder feste Regel | Für diese Regel allein ist ein Sprachmodell nicht erforderlich |
| Daten unverändert zwischen Systemen übertragen | Vorhandene Schnittstelle und eindeutige Feldzuordnung | Nur für einen zusätzlich abgegrenzten Schritt prüfen |
| Freitext einer Anfrage zusammenfassen | Manuelle Vorlage als Vergleich; erwartete Angaben definieren | Entwurf erstellen, den eine zuständige Person am Original prüft |
| Widersprüchliche Angaben oder verbindliche Zusagen bewerten | Fachliche Entscheidung und Rückfrageweg | Unklarheit kennzeichnen und zur Prüfung weitergeben |
Vergleichen Sie beim Freitext drei Varianten mit denselben Fällen: die heutige Bearbeitung, einen Ablauf mit festen Regeln und einen Ablauf mit KI-Unterstützung. Ein besseres Formular kann bereits einen Teil des Problems lösen. KI muss ihren zusätzlichen Aufwand und Nutzen im Vergleich dazu zeigen.
Die Publikation KI-Engineering-Workflow von Mittelstand-Digital verbindet die Beschreibung des Prozesses mit Geschäftsmetriken und Evaluierung. Die Auswahlmatrix hier ist eine eigene Arbeitshilfe von Ragdom. Sie ist kein zertifizierter Reifegradtest.
3. Kandidaten mit Belegen statt einer Gesamtnote auswählen
Tragen Sie für jeden Kandidaten ein, was bekannt ist und welcher Nachweis fehlt. Verwenden Sie die Zustände „belegt“, „offen“ und „Hindernis“. Eine hohe erwartete Zeitersparnis ersetzt keine Klärung des Datenzugriffs oder der Verantwortung. Offene Voraussetzungen werden vor einem Test mit echten Daten geklärt.
| Prüffeld | Benötigter Nachweis | Wenn der Nachweis fehlt |
|---|---|---|
| Häufigkeit und heutiger Aufwand | Gezählte Vorgänge in einem benannten Zeitraum; Bearbeitungszeit mit Rückfragen | Ausgangsmessung durchführen |
| Daten und Nutzung | Bekannte Quellen, freigegebene Testdaten und geklärter Zugriff | Datenverantwortliche und fachliche Prüfung einbeziehen |
| Ergebnis und Ausnahmen | Beispiel eines richtigen Ergebnisses; Liste typischer Abweichungen | Aufgabe enger fassen oder Regeln klären |
| Kontrolle und Fehlerfolgen | Benannte prüfende Person; festgelegte Grenze der automatischen Aktionen | Freigabeweg und Berechtigungen festlegen |
| Rückkehr und Betrieb | Bisheriger Ablauf bleibt nutzbar; Verantwortung für Störungen und Änderungen | Rückfallweg und Betreuung vorsehen |
Für das fiktive Anfragebeispiel kann eine regelbasierte Prüfung fehlender Felder zuerst getestet werden. Die Zusammenfassung des Freitexts ist ein eigener Kandidat. Ein automatischer Antwortversand braucht zusätzliche Prüfungen und gehört nicht stillschweigend zum selben Auftrag.
Die CSV-Auswahlmatrix enthält drei ausdrücklich fiktive Arbeitsbeispiele. Ersetzen Sie sie durch Ihre Abläufe und ergänzen Sie zu jeder offenen Frage eine zuständige Person. Die Datei enthält keine automatische Bewertung und keine versteckten Formeln.
4. Einen Pilot mit nachvollziehbaren Fällen vorbereiten
Definieren Sie vor dem Start, welche Fälle der Pilot abdeckt und welche Entscheidungen bei Menschen bleiben. Nutzen Sie freigegebene Daten in einer passenden Testumgebung. Legen Sie fest, welche Systeme lesen oder schreiben dürfen und wer die Ergebnisse fachlich prüft.
Geben Sie jedem Fall eine Kennung. Dokumentieren Sie Eingang, erwartetes Ergebnis, tatsächliches Ergebnis und Korrektur. Halten Sie auch fest, welche Modell-, Vorlagen- und Ablaufversion getestet wurde. Ein Vergleich verliert an Aussagekraft, wenn zwischendurch die Bedingungen wechseln.
Das NIST AI Risk Management Framework, Abschnitt Measure empfiehlt Tests vor der Einführung und im laufenden Betrieb sowie dokumentierte Messgrößen. Für Ihren Pilot bedeutet das: Kriterien vorher festlegen und die Grenzen der ausgewählten Fälle im Abschlussbericht nennen.
| Fall | Erwartetes Verhalten | Zu dokumentieren |
|---|---|---|
| Vollständige normale Anfrage | Interner Entwurf enthält nur belegte Angaben; Mensch prüft am Original | Vollständigkeit, Korrekturen und gesamte Bearbeitungszeit |
| Fehlende oder widersprüchliche Information | Offene Frage sichtbar; fehlende Werte bleiben offen | Welche Angabe fehlt und wer die Rückfrage übernimmt |
| Dieselbe Anfrage zweimal | Duplikat erkennen oder zur Prüfung markieren; keinen zweiten Entwurf ungeprüft anlegen | Kennung und beobachtetes Verhalten bei Wiederholung |
| Zeitüberschreitung oder Ausfall eines Dienstes | Fehler sichtbar; Übergabe an den bisherigen Ablauf ohne stillen Verlust | Fehlerzeitpunkt, Wiederanlauf und Prüfung auf doppelte Einträge |
| Anweisung innerhalb des fremden Nachrichtentexts | Nachrichteninhalt bleibt Datenquelle; Berechtigungen begrenzen mögliche Aktionen | Testeingabe, tatsächliche Aktionen und Abweichungen |
| Ungewohnter Fall außerhalb des vereinbarten Umfangs | Zur zuständigen Person weitergeben; keine verbindliche Zusage erzeugen | Grund der Übergabe und weiterer Bearbeitungsweg |
Das BSI beschreibt indirekte Prompt Injections in fremden Quellen als Risiko generativer KI: Anweisungen können etwa in auszuwertenden E-Mails oder Dokumenten stehen. Ein einzelner bestandener Test beweist deshalb keine umfassende Sicherheit. Begrenzte Rechte, geprüfte Übergaben und eine zum Einsatz passende Risikoanalyse bleiben erforderlich.
Ergänzen Sie die sechs Falltypen um die Varianten Ihres Betriebs. Ein kleiner Testsatz zeigt konkrete Fehler, belegt aber noch keine allgemeine Zuverlässigkeit. Trennen Sie Fälle, mit denen Sie den Ablauf verbessern, von weiteren Fällen für die anschließende Prüfung.
5. Den gesamten Aufwand rechnen
Messen Sie aktive Arbeitszeit und Durchlaufzeit getrennt. Für den Arbeitsaufwand zählen auch Prüfung, Korrektur, Ausnahmebearbeitung und die spätere Betreuung. Die Antwortzeit eines Modells allein sagt wenig darüber aus, ob das Team Arbeit spart.
| Position | Annahme | Rechnung |
|---|---|---|
| Heutiger monatlicher Arbeitsaufwand | 120 Vorgänge; je 8 Minuten | 120 × 8 = 960 Minuten |
| Arbeitsaufwand mit Unterstützung | Dieselben 120 Vorgänge; je 5 Minuten einschließlich Prüfung und Nacharbeit | 120 × 5 = 600 Minuten |
| Zusätzliche laufende Betreuung | 60 Minuten pro Monat | 600 + 60 = 660 Minuten |
| Rechnerisch frei werdende Arbeitszeit | Differenz aus Ausgangsaufwand und laufendem Gesamtaufwand | 960 − 660 = 300 Minuten, also 5 Stunden |
Diese fünf Stunden sind eine Rechenannahme, kein gemessenes Kundenergebnis und keine Zusage von Ragdom. Einrichtung, Schulung, Software- und Nutzungskosten sind in der Zeitdifferenz nicht enthalten. Bewerten Sie diese Positionen gesondert. Frei werdende Arbeitszeit ist zudem nicht automatisch eine finanzielle Einsparung.
Wenn im Pilotprojekt vor allem einfache Fälle vorkommen, übertragen Sie deren Durchschnitt nicht ungeprüft auf den ganzen Monat. Nennen Sie Fallzahl und Anteil der Ausnahmen. Bei geringem Volumen oder stark schwankenden Zeiten kann eine längere Beobachtung für eine belastbare Entscheidung nötig sein.
6. Fortsetzen, nacharbeiten oder beenden
Vereinbaren Sie für jeden relevanten Fehler eine Konsequenz. Eine unzulässige Aktion, verlorene Anfrage oder nicht erkennbare Fehlverarbeitung ist ein Grund, den Test zu unterbrechen und die Ursache zu klären. Für kleinere Qualitätsabweichungen legen Sie fest, welche Korrektur vor einem erneuten Vergleich erforderlich ist.
Der Abschluss hält fest, welche Fälle geprüft wurden, was gegenüber der Ausgangsmessung besser oder schlechter war und welche Grenzen bleiben. Wählen Sie danach zwischen einem engeren Folgetest, einer Überarbeitung oder dem Ende des Vorhabens. Eine Erweiterung des Umfangs ist eine neue Entscheidung.
Verwenden Sie dafür das Pilot-Prüfprotokoll. Es enthält Felder für die sechs Testfälle, Zeiten, Korrekturen und die Abschlussentscheidung. Wenn Ihr Prozess über eine Website startet, hilft zusätzlich die Website-Briefing-Checkliste, Eingaben und Übergaben bereits bei der Planung festzuhalten.
Bei einer KI-Automatisierung mit Ragdom klären wir den konkreten Ablauf, beteiligte Systeme und einen prüfbaren ersten Umfang. Bereiten Sie dafür die Auswahlmatrix und Beispiele vor, die Sie im Gespräch zeigen dürfen.
Häufige Fragen
Welchen Prozess sollte ein KMU zuerst automatisieren?
Einen klar abgegrenzten, wiederkehrenden Arbeitsschritt mit verfügbaren Daten und einem prüfbaren Ergebnis. Häufigkeit und Aufwand sollten belegt sein. Verantwortung, Fehlerbehandlung und Rückkehr zum bisherigen Ablauf müssen vor dem Pilotprojekt geklärt sein.
Braucht jede Automatisierung KI?
Nein. Pflichtfeldprüfung, feste Zuordnungen und unveränderte Datenübertragung lassen sich häufig mit vorhandenen Funktionen oder festen Regeln umsetzen. KI-Unterstützung für Freitext sollte gegen eine einfachere Variante mit denselben Fällen verglichen werden.
Wie lange muss ein KI-Pilot dauern?
Das hängt von Fallzahl, Varianten und Fehlerfolgen ab. Legen Sie vorab fest, welche Fälle und Messgrößen benötigt werden. Ein kurzer Pilot mit wenigen einfachen Vorgängen belegt keine allgemeine Zuverlässigkeit.
Wie berechnet man die Zeitersparnis?
Vergleichen Sie den bisherigen Arbeitsaufwand mit dem gesamten neuen Arbeitsaufwand einschließlich Prüfung, Nacharbeit und laufender Betreuung. Einrichtung und finanzielle Kosten werden zusätzlich bewertet. Das Zahlenbeispiel im Artikel ist fiktiv.
